2025-11-27 Fast jeder zweite Bahnhof in NRW hat Mängel bei der Barrierefreiheit

Aufzüge, Rampen, Blindenleitstreifen – sie sollen Bahnhöfe für alle zugänglich machen. Die Barrierefreiheit in NRW wächst, aber ungleich. Eine Analyse des WDR zeigt, wo viel erreicht wurde und wo es die größten Lücken gibt.

Von Julian Budjan, Leonhard Eckwert, Nándor Hulverscheidt und Laura Weigele

Welche Erfahrungen habt ihr mit der Bahn in Sachen Barrierefreiheit? Kommentiert, schreibt uns oder sagt uns eure Meinung im WDR 5-Tagesgespräch – mehr Infos am Ende dieses Beitrags.

Barrierefreie Bahnhöfe nützen vielen Menschen. Rampen oder Aufzüge helfen, Treppen zu vermeiden. Davon profitieren nicht nur Rollstuhlfahrer. Familien, Radfahrer, Senioren oder Reisende mit schwerem Koffer kommen so leichter voran. Für Blinde und Sehbehinderte sind zudem tastbare Leitstreifen auf dem Boden wichtig, um sich im Bahnhof und auf dem Bahnsteig zu orientieren.

WDR Data hat alle 776 Bahnhöfe Nordrhein-Westfalens nach diesen Merkmalen der Barrierefreiheit ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass der Großteil der Gleise bereits stufenlos erreichbar ist. Dafür fehlen fast der Hälfte der NRW-Bahnhöfe Leitsysteme für Sehbehinderte am Gleis oder auf dem Weg dorthin.

WDR Studios NRW 26.11.2025 02:36 Min. Verfügbar bis 26.11.2027 WDR Online

Großteil der Gleise ohne Treppen erreichbar

An etwa 84 Prozent der NRW-Bahnhöfe sind die Bahnsteige zu allen Gleisen stufenfrei zugänglich. Das heißt auch: An etwa jedem sechsten Bahnhof (16 Prozent) müssen Menschen mit Rollstuhl, Rollator, Kinderwagen oder Fahrrad zumindest an einzelnen Gleisen Stufen oder Treppen überwinden.

In neun der zehn Bahnhöfe mit dem größten Reiseaufkommen kommen Fahrgäste bereits komplett stufenlos zum Gleis. Nur am Bahnhof Köln Messe/Deutz sind gerade einmal vier von zehn Gleisen ohne Treppe erreichbar. An drei Bahnsteigen baut die Deutsche Bahn gerade neue Aufzüge. Dennoch soll der barrierefreie Ausbau des Regionalbahnteils in Messe/Deutz laut Verkehrsministerium erst 2034 abgeschlossen sein.

Für einen großen Bahnhof eine lange Zeit: Das NRW-Verkehrsministerium sei mit der Dauer unzufrieden, wie eine Sprecherin dem WDR gegenüber mitteilt. Mit der Bahn sei ursprünglich 2019 ein zeitnaher Umbau abgestimmt worden.

Nachholbedarf bei Blindenleitstreifen

Deutlich größer ist der Nachholbedarf bei den sogenannten taktilen Leitsystemen. Sie bestehen in der Regel aus kleinen weißen Rillen und Noppen auf dem Boden, sogenannten Leitstreifen, die blinden oder sehbehinderten Menschen helfen, sich durch Tasten zu orientieren.

An 44 Prozent der Bahnhöfe in NRW fehlen Leitstreifen am Gleis oder auf dem Weg zum Gleis. Das bedeutet: Die Leitstreifen, die Menschen mit Sehbehinderung vom Bahnhofseingang zu den Bahnsteigen und auf den Bahnsteigen selbst führen, sind lückenhaft oder gar nicht vorhanden. Bei 39 Prozent der Bahnhöfe betrifft das alle Gleise, bei 5 Prozent zumindest einzelne Gleise.

Am Bahnhof Bonn mit 45.000 Reisenden pro Tag gibt es nur für eines von fünf Gleisen ein vollständiges Leitsystem vom Eingang bis zur Bahn. Im Hauptbahnhof in Duisburg mit 61.000 Reisenden pro Tag fehlen Leitsysteme noch an einem Drittel der Gleise.

Eine weitere Hilfe für sehbehinderte Menschen sind tastbare Handlaufschilder an Rampen und Treppen, die den Fahrgästen beispielsweise anzeigen, zu welchem Gleis ein Aufgang führt. Mindestens 34 Bahnhöfe in NRW sind zwar vollständig mit Blindenleitstreifen ausgestattet, dort fehlen aber die Handlaufschilder teilweise oder ganz. Von allen NRW-Bahnhöfen, die Treppen und Rampen besitzen, ist jeder fünfte noch nicht vollständig mit Handlaufschildern ausgestattet worden.

„Wenn da keine Leitstreifen sind, ist es ein bisschen, wie auf rohen Eiern zu gehen“

Fehlende Hilfestellungen für Blinde an Bahnhöfen | Hochkantvideo

 

00:54 Min. Verfügbar bis 26.11.2027 Von Jörn Kießler

WDR-Reporter Kevin Barth ist selbst blind und hat sich für WDR Aktuell am Bahnhof Köln Messe/Deutz mit der Kamera begleiten lassen. Im Video zeigt er, was es für ihn bedeutet, wenn die Leitstreifen oder Geländer-Beschriftungen fehlen. „Normalerweise gehe ich relativ selbstbewusst auf den Bahnsteig. Aber wenn da keine Leitstreifen sind, ist es ein bisschen, wie auf rohen Eiern zu gehen„, beschreibt er es.

In Bahnhöfen muss ein vollständiges taktiles Leitsystem vorhanden sein„, sagt auch Thomas Schirmer vom Allgemeinen Behindertenverband Deutschland. Wenn Leitsysteme plötzlich enden, bleiben Betroffenen nur Geräusche und das langsame Vorantasten. Ein weiteres Problem: „Ich erlebe immer wieder, dass Leitsysteme durch Koffer und Fahrgäste versperrt sind„, sagt Schirmer. Er selbst hat eine Trillerpfeife dabei, um notfalls auf sich aufmerksam zu machen. Er wünscht sich mehr Rücksicht.

Regionale Unterschiede in der Barrierefreiheit

Regional verteilen sich die barrierefreien Bahnhöfe der Deutschen Bahn unterschiedlich. Im vielbefahrenen Gebiet des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr rund um Düsseldorf und im Ruhrgebiet haben nur 48 Prozent der Bahnhöfe ein vollständiges Leitsystem. Stufenfreie Zugänge zu allen Bahnsteigen haben hier nur 77 Prozent der Bahnhöfe. Vor allem die S-Bahnhöfe größerer Städte wie Düsseldorf, Dortmund und Wuppertal sind häufig nicht barrierefrei zugänglich. Deutlich besser ausgestattet sind die Bahnhöfe in den beiden anderen Gebieten des Regionalverkehrs. In der Region Aachen/Köln/Bonn von Go.Rheinland gibt es an zwei Dritteln aller Bahnhöfe vollständig Blindenleitstreifen. In den Gebieten Sauerland, Münsterland und Ostwestfalen des Nahverkehrs Westfalen-Lippe sind mit fast 90 Prozent die meisten Bahnhöfe stufenfrei zugänglich.

Als möglichen Grund für den Unterschied nennt der NWL auf WDR-Anfrage die ländliche Prägung des eigenen Verbundgebiets. Deshalb gebe es außerhalb der Oberzentren in Westfalen-Lippe eher kleinere Bahnhöfe. Diese können schneller und weniger aufwendig umgebaut werden – inklusive kürzerer Sperrungen von Strecken. Die Verkehrsverbünde betonen gleichzeitig, dass vor allem auch die Zahl der Reisenden im jeweiligen Bahnhof wichtig sei.

Die Verbünde selbst sind dabei nicht für den Umbau zuständig. Das ist die Aufgabe der DB InfraGO (GO für gemeinwohlorientiert). Sie ist ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn und betreut die meisten Bahnhöfe und das Streckennetz.

Immer mehr Bahnhöfe werden barrierefrei

Die gute Nachricht: Der Anteil barrierefreier Bahnhöfe wird immer größer. Ein Bahnsprecher erklärt, dass auch weiterhin Bahnhöfe barrierefrei umgebaut werden. Ein Beispiel dafür ist der Bahnhof Wanne-Eickel. Die Bahn hat ihn komplett modernisiert. Seit Anfang November sind die vier Bahnsteige erneuert und mit Leitsystemen ausgestattet. Drei von vier Bahnsteigen sind über neue Aufzüge erreichbar. Der vierte, derzeit ein Nothalt, soll mittelfristig auch einen Aufzug bekommen.

Auch der Duisburger Hauptbahnhof bekommt die letzten fehlenden Leitstreifen: Die Bahn will mit dem Umbau bis 2028 fertig sein und das Leitsystem vervollständigen.

Das Land NRW hat in den vergangenen Jahren mehrfach Vereinbarungen mit InfraGO zur Modernisierung der Bahnhöfe in NRW geschlossen und Maßnahmen für die Barrierefreiheit finanziell gefördert.

Seit 2019 gibt es eine Grundsatzvereinbarung zur Herstellung der Barrierefreiheit zwischen dem Land NRW, den Verkehrsverbünden und der Deutschen Bahn. Ein Ziel: Bis 2030 sollen mindestens 90 Prozent der Fahrgäste auf gleicher Höhe in Bahnen ein- und aussteigen können. Laut dem NRW-Verkehrsministerium ist das bisher für mehr als 80 Prozent der Reisenden möglich.

Für die bisher noch nicht umgebauten Bahnhöfe bietet die Bahn die Mobilitätsservice-Zentrale an. An größeren Bahnhöfen helfen Mitarbeiter nach Anmeldung zu bestimmten Zeiten beim Ein- und Ausstieg sowie beim Hin- und Rückweg zum Gleis. Damit bleiben allerdings die Hindernisse an kleineren Bahnhöfen – denn gerade hier fehlen häufig Rampen, Aufzüge und Leitstreifen.

Unsere Quellen:

  • Nutzerportal bahnhof.de
  • VRR, NWL, und Go.Rheinland
  • Eigene Berechnungen
  • Interview mit Thomas Schirmer vom Allgemeinen Behindertenverband Deutschland
  • WDR-Reporter vor Ort

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, dass es in Bonn an keinem Gleis ein Leitsystem bis zum Gleis gibt, richtig ist, dass es für eines der fünf Gleise so ein System für den Weg vom Eingang bis zum Gleis gibt. Wir haben den Fehler korrigiert.

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Sendung: WDR 5, Morgenecho, 27.11.2025, 6.05 Uhr.